„Against Milei“ – Die Kritik von Oscar Grau zusammengefasst

Der libertäre Autor Oscar Grau¹ veröffentlichte mit „Against Milei“² eine umfangreiche Antwort auf Philipp Bagus und Bernardo Ferrero, die Javier Milei zuvor gegen libertäre Kritik verteidigt hatten. Darin legt Grau ausführlich dar, dass Milei keineswegs ein wahrer und konsequenter Libertärer oder Vertreter der Österreichischen Schule ist, sondern in zentralen Fragen fundamental gegen die Prinzipien von Rothbard und Hoppe verstößt. 

Ausgangspunkt: Streit um Mileis libertäre Einordnung

Grau beginnt mit der These, dass Bagus und Ferrero Mileis Politik systematisch schönreden und dabei mit Falschannahmen und Halb-Wahrheiten arbeiten. Zwar habe Milei gewisse marktwirtschaftliche Reformen umgesetzt bzw. sich in diese Richtung bewegt, doch diese reichen lange nicht aus, um ihn ernsthaft als Vertreter des Libertarismus im Sinne von Rothbard oder Hoppe zu betrachten (so erklärt es Grau – und wir stimmen ihm Dort hundertprozentig zu). Dennoch wird Milei fälschlicherweise als „libertärer Präsident“ dargestellt, obwohl er dies eindeutig nicht ist. 

Staatsverschuldung: Legitimation eines kriminellen Systems

Ein echter Libertärer hätte die argentinische Staatsschulden als das behandelt, was sie sind: illegitime Schulden eines aggressiven Apparats, der über Generationen hinweg Steuerzahler ausplündert. Milei hat genau das nicht getan. Er hat die Schulden nicht nur akzeptiert, sondern aktiv bedient und damit das bestehende System stabilisiert und legitimiert.

Staatsschulden sind kein normaler Vertrag. Sie sind ein Versprechen, zukünftige Generationen durch Steuern und Inflation zu enteignen. Wer solche Schulden bedient, erklärt damit: Das Eigentum des Einzelnen gehört nicht ihm selbst, sondern dem Staat und seinen Gläubigern. Milei hat dieses System nicht angegriffen — er hat es fortgeführt. Das ist kein „pragmatischer Schritt“, das ist fundamentaler Verrat am Prinzip des Privateigentums.

Geldpolitik: Inflation mit libertärem Anstrich

Die Behauptung, Milei habe die Geldpolitik grundlegend verbessert, ist falsch. Zwar sank die offizielle Inflationsrate vorübergehend, doch dies geschah nicht durch strukturelle Reformen, sondern durch eine Mischung aus Kapital- und Devisenkontrollen, künstlicher Peso-Nachfrage und kurzfristigen Finanzmarktverzerrungen.

Die Geldmenge wurde unter Milei sogar stärker ausgeweitet als unter seinem Vorgänger. Die Zentralbank (BCRA) steht weiterhin und betreibt aktive Geldpolitik. Das Kernproblem — die systematische Enteignung durch Inflation und Kreditexpansion — wurde nicht gelöst, sondern nur neu verpackt.

Ein konsequenter Anarchokapitalist hätte die Zentralbank sofort abgeschafft. Milei hat sie erhalten und für seine Zwecke genutzt. Das ist keine „Verbesserung des monetären Regimes“ — sondern eine Fortführung des Zentralbank-Sozialismus unter libertärer Rhetorik.

Außenpolitik: Milei als definitionsgemäßer Neokonservativer

Der unserer Meinung nach schwerwiegendste und gleichzeitig aufschlussreichste Kritikpunkt Oscar Graus betrifft Javier Mileis Außenpolitik. Während viele Milei-Verteidiger diesen Bereich als nebensächlich oder „rein symbolisch“ abtun wollen, zeigt Grau überzeugend: Gerade hier offenbart sich der fundamentale Bruch mit libertären Prinzipien.


Mileis außenpolitische Haltung — seine bedingungslose Unterstützung Israels, seine enge Anlehnung an die USA, seine Befürwortung von Militärinterventionen und seine Rhetorik des „Demokratieexports“ — entspricht nicht zufällig, sondern systematisch dem klassischen neokonservativen Weltbild.

Hans-Hermann Hoppe hat die Neokonservativen bereits im Jahr 2001 präzise beschrieben:

„The neoconservative movement… emerged in the late 1960s and early 1970s, when the American left became increasingly involved with Black Power politics, affirmative action, pro-Arabism, and the “counterculture.” In opposition to these tendencies, many traditional left-wing… intellectuals and cold war “liberals,”… broke ranks with their old allies, frequently crossing over from the long-time haven of left-wing politics… to the Republicans. Since then the neoconservatives… have gained unrivaled influence in American politics, promoting typically a “moderate” welfare state (“democratic capitalism”), “cultural conservatism” and “family values,” and an interventionist (“activist”) and in particular Zionist (“pro-Israel”) foreign policy.“

Genau dieses Muster findet sich bei Milei wieder. Er betreibt eine interventionistische, pro-zionistische und pro-amerikanische Außenpolitik. Seine wiederholten Aussagen, Israel sei „ein Leuchtturm der Freiheit“, seine Forderung, die Botschaft nach Jerusalem zu verlegen, seine Unterstützung für NATO-Partnerschaften und seine Sympathiebekundungen für westliche Militäreinsätze sind keine Ausrutscher. Sie sind Ausdruck einer kohärenten neokonservativen Weltsicht.

Während Murray Rothbard und Hans-Hermann Hoppe den amerikanischen Imperialismus, den Militarismus und den sogenannten „Demokratieexport“ als Kern des modernen Etatismus scharf verurteilt haben, feiert Milei genau diese Elemente. Er spricht nicht von der Abschaffung des Staates, sondern von einem „starken Westen“ und einer „starken nationalen Verteidigung“. Er verteidigt nicht das Non-Aggression-Prinzip auf internationaler Ebene, sondern rechtfertigt offensive Militäraktionen und Allianzen mit interventionistischen Mächten.

Das ist kein libertärer Pragmatismus. Das ist klassischer Neokonservatismus — lediglich verpackt in radikale anarchokapitalistische Rhetorik. Wer als angeblicher Anarchokapitalist den zionistischen Staat, NATO-Kriege und den amerikanischen Imperalismus aktiv unterstützt, hat mit den Prinzipien von Rothbard und Hoppe gebrochen.

Grau hat hier einen entscheidenden Punkt getroffen: Mileis Außenpolitik ist kein Randphänomen. Sie ist der Beweis, dass seine ideologische Heimat nicht im radikalen Libertarismus liegt, sondern im neokonservativen Lager. Wer den Staat im Ausland stärkt und legitimiert, kann ihn nicht glaubwürdig im Inland bekämpfen. 

Fazit

Oscar Grau hat mit seiner Analyse ein notwendiges Korrektiv geliefert. Javier Milei mag in einzelnen Bereichen positive Schritte unternommen und durch seine Rhetorik viele Menschen für freiheitliche Ideen sensibilisiert haben. Dennoch bleibt seine Gesamtbilanz aus konsequenter anarchokapitalistischer und hoppeanischer Sicht unbefriedigend.

Milei verkörpert keinen echten Bruch mit dem Staat, sondern eine moderne, charismatische Variante des right-wing opportunism — eine Politik, die libertäre Sprache nutzt, ohne die zugrundeliegenden Prinzipien konsequent zu vertreten. Besonders seine neokonservative Außenpolitik, die Fortsetzung der Zentralbankpolitik und die Legitimation von Staatsschulden zeigen, dass er kein radikaler Freiheitskämpfer ist, sondern ein Politiker, der innerhalb des Systems agiert und dieses teilweise sogar stärkt.

Die libertäre Bewegung sollte aus dem Phänomen Milei lernen: Charismatische Figuren und rhetorische Radikalität sind kein Ersatz für prinzipientreue Haltung. Wer Rothbard und Hoppe ernst nimmt, kann Milei nicht länger als großen Hoffnungsträger feiern. Er ist ein interessantes politisches Experiment — aber kein Vorbild für eine wirklich freie Gesellschaft.


¹ Oscar Grau (X, Rothbard Brasil, Mises Institute)

² Ganzer Artikel: Against Milei: Full Reply to Philipp Bagus and Bernardo Ferrero

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