Das Problem mit der Gleichheit – eine kurze Kritik am Egalitarismus

Autor: AnCaprisun (TikTok, X, YouTube

 „Menschen werden mit unterschiedlichen Fähigkeiten geboren. Wenn sie frei sind, sind sie nicht gleich. Und wenn sie gleich sind, sind sie nicht frei.“ – Alexander Solschenizyn

Liberté, Égalité, Fraternité, eines der wohl bekanntesten Trikolone der Geschichte, welches bereits einen der größten und gefährlichsten Irrtümer unserer Zeit beinhaltet. Der Mythos des Egalitarismus, welcher die Gleichheit aller Menschen, variierend auf dem Grad der Radikalität des Stellers der Proposition, im Sinne der partikularen Erscheinung des Menschen als Individuum, als moralischer Agent und im Anspruch auf die Gleichheit der Konsequenzen seines Handelns, in Ignoranz gegenüber den Umständen dessen Erbringung, postuliert und fordert.1

Zugleich ist die anti-egalitäre Strömung lange Zeit darin gescheitert, eine eigene adäquat ausformulierte Gegenposition in Form valider philosophischer Argumente aufzustellen beziehungsweise den Egalitarismus überhaupt als Feind zu erkennen, zu kritisieren oder herauszufordern, so hat sich dies in den letzten Jahrzehnten besonders durch das Wirken libertär orientierter Denker geändert. Daher ist es mein Anliegen, diese Erkenntnisse zu nutzen, um den bedauerlicherweise immer noch relevanten Feind der Freiheit auf ein Neues zu kritisieren.

Auch wenn der Umstand, dass Menschen von Natur aus nicht gleich sind, so offensichtlich wahr ist, dass die Gegenposition noch nicht einmal wert ist, in Betracht gezogen zu werden, so müssen wir trotzdem mit genau diesem Fakt starten.

„[…] Sein bedeutet, etwas zu sein. Existenz und Identität sind untrennbar miteinander verbunden; das eine bedingt das andere. Wenn etwas existiert, dann existiert etwas; und wenn es ein Etwas gibt, dann gibt es ein Etwas. Diese grundlegende Tatsache lässt sich nicht in zwei Teile zerlegen.“2 

Alles, was ist, ist etwas. Das gilt nicht nur für die unbelebten Dinge um uns herum, sondern auch für uns selbst. In dem Augenblick, wo wir das Individuum als differenzierbare Entität wahrnehmen, muss dieses eine Natur haben. Das heißt, es ist anders als das, was ihn umgibt, und anders als seine Mitmenschen, in Aussehen, Intellekt, Fähigkeiten, Lebenskontext etc. Dies zu leugnen, indem man behauptet, dass er im Grunde allen anderen gleich ist, ist gleichzusetzen mit dem Leugnen seiner Identität und damit seiner Existenz. Aber gerade, weil er existiert, wissen wir, dass er etwas ist und damit anders oder individuell. Genau weil Individuen etwas Eigenes, voneinander Differenzierbares sind, werden sie ceteris paribus andere Resultate hervorbringen.3

Wenn die Fürsprecher der Gleichheit nun fordern, dass wir trotz dessen durch die Nutzung des Staates gleiche Ergebnisse erzwingen müssen, entsteht das tatsächliche ethische Problem. 

Die anarcho-kapitalistische Rechtsphilosophie ist in dieser Hinsicht eindeutig.Jeder Mensch ist Eigentümer seiner selbst und jeglicher rechtmäßig erworbener externer Dinge. Wenn der Staat nun Gleichheit erzwingen wollen würde, so müsste er die Individuen entweder davon abhalten, ihren Körper oder ihre Güter so zu nutzen, wie es ihnen beliebt, und/oder er müsste das Individuum ausrauben, um das Diebesgut so umzuverteilen, dass alle diesen Zustand der Gleichheit erreichen. Da dies aber rational nicht rechtfertigbar ist, kann man diesen Vorgang auch nicht als ethisch gerechtfertigt ansehen. Zumal der Fakt, dass Ungleichheit existiert, nicht logisch zur Schlussfolgerung führt, dass man etwas gegen diese unternehmen sollte. Dafür bräuchte man die zusätzliche normative Prämisse, dass Gleichheit gut sei und demnach umgesetzt werden müsse. Womit wir wieder beim Problem der Unmöglichkeit der Rechtfertigung wären. Die Advokaten des Egalitarismus sind am Ende nur die modernen Bringer der Tyrannei.

Die Probleme mit der Grundannahme enden nicht mit der Umsetzung, sondern sind schon in ihr selbst zu finden. Die Egalitaristen betrachten das zu erreichende Ziel, ohne die dafür benötigten Mittel zu haben oder zu verstehen. Sie wollen Millionäre sein, ohne zu verstehen, wie man dort hinkommt, und/oder sind nicht bereit, zu tun, was nötig ist, um dort hinzukommen.

„Ein vernünftiger Mensch gibt sich nicht sehnsüchtigen Träumen von Zielen hin, die von den Mitteln losgelöst sind. Er hegt kein Verlangen, ohne die Mittel zu kennen (oder zu erlernen) und zu bedenken, mit denen es erreicht werden soll. Da er weiß, dass die Natur dem Menschen nicht die automatische Befriedigung seiner Wünsche gewährt, dass die Ziele oder Werte eines Menschen durch seine eigene Anstrengung erreicht werden müssen, dass das Leben und die Anstrengungen anderer Menschen nicht sein Eigentum sind und nicht dazu da sind, seinen Wünschen zu dienen, hegt ein vernünftiger Mensch niemals ein Verlangen oder verfolgt ein Ziel, das nicht direkt oder indirekt durch seine eigene Anstrengung erreicht werden kann.“5

Da ein solches Verhalten höchst irrational ist, nicht im rationalen Eigeninteresse liegt und nicht dem Leben dient, können wir diese Prämisse auch moralisch ablehnen.

Abschließend sollte noch angemerkt werden, dass der Egalitarismus den Kern des menschlichen Fortschrittes angreift und zerstört. In einer Welt, wo jeder gleich wäre, ist eine hochgradige Arbeitsteilung, welche notwendig für unseren Wohlstand ist, nicht möglich. Schon alleine der Fakt, dass Menschen zwei unterschiedliche Güter tauschen, impliziert, dass sie unterschiedliche Bewertungen, Produktionskapazitäten, Fähigkeiten et cetera besitzen. Durch eine Verlängerung der Produktionsketten, damit einhergehend steigenden Wohlstand, wird es auch zu einer höheren Spezialisierung der Menschen und damit zu einer größeren Ungleichheit kommen.6 Diesen Prozess zu unterminieren, ist im Grunde nichts anderes, als einen offenen Krieg gegen den menschlichen Wohlstand zu führen.

Die Praxeologie lehrt uns, dass eine Handlung immer aus Mitteln und Enden besteht. Der Egalitarismus setzt als Mittel auf den Staat, welcher ethisch nicht gerechtfertigt werden kann, und postuliert als Ziel die Gleichheit als etwas Gutes, welche durch den Kontextverlust bei der Mittel-Zweck-Beziehung nicht als rational und demnach nicht als moralisch beschrieben werden kann. 

Die Konsequenzen sind vielzählig, aber vor allem ökonomisch unvernünftig und schlimmstenfalls hoch schädlich. Demnach gibt es nur eine rationale Schlussfolgerung: den Egalitarismus als eine Erscheinung der Irrationalität zu bekämpfen. 


Vgl. Rothbard, Murray N.: Egalitarianism as a Revolt Against Nature, and Other Essays. 2. Auflage. Auburn (Alabama): Ludwig von Mises Institute 2000, S. 1 ff.


Vgl. Peikoff, Leonard: Objectivism: The Philosophy of Ayn Rand. New York: Meridian 1993, S. 7


Nur die allerwenigsten Egalitaristen dürften diesen Punkt bestreiten; dennoch ist es von äußerster Wichtigkeit, diesen Fakt so klar wie nur möglich zu kommunizieren, damit auch den extremsten unter ihnen entgegengewirkt werden kann.


Für eine genauere Ausführung über Inhalt und Rechtfertigung siehe: Rothbard, Murray N.: The Ethics of Liberty. With a new introduction by Hans-Hermann Hoppe. New York: New York University Press 1998; Kinsella, N. Stephan: Legal Foundations of a Free Society. Papinian Press 2023; Hoppe, Hans-Hermann: The Economics and Ethics of Private Property. Studies in Political Economy and Philosophy. Boston: Kluwer Academic Publishers 1993 (= The Ludwig von Mises Institute’s Studies in Austrian Economics); liquidzulu: The Fundamentals of Libertarian Ethics. Online 2026. https://liquidzulu.github.io/libertarian-ethics/#1 (07. April 2026); liquidzulu: Anarcho-Capitalism: Responding to the Critics. Online-Video, 21. Januar 2025. https://youtu.be/W-NQWJn-AHw (07. April 2026).


Rand, Ayn: The Virtue of Selfishness. Centennial Edition. New York: Signet 2005, S. 59.


Vgl. Rothbard, Murray N.: Man, Economy, and State with Power and Market. A Treatise on Economic Principles. 2. Auflage (Scholar’s Edition). Auburn (Alabama): Ludwig von Mises Institute 2009, S. 95 ff.

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